Futter für’s Hirn

So mancher hat vielleicht noch die erziehenden Worte seiner Eltern im Ohr: „Junge, wann gehst Du endlich zum Friseur?, oder etwas schärfer: „Jetzt lies doch auch mal etwas Anständiges!“

Aber wie das so war mit den jungen, wilden Burschen anno 1965: Wastl-Comics, Sigurd-Heftchen, das Nick Knatterton-Abenteuer oder Kosmoshelden wie Perry Rhodan – da hingen wir unsere grünen Nasen hinein und wollten von Goethe, Schiller und Kameraden nichts wissen.

Erst als Karl May ins Leben des pubertierenden Jünglings trat, ließen die Eltern Ruhe. Nachher haben viele meiner Generation dann doch noch die Kurve gekriegt und nach den Einstiegsbonbons auch Hermann Hesse, Thomas Mann und Heinrich Böll gelesen, manchmal sogar verschlungen. Tempi passati.

Nun ist diese Generation, die mit mildem verbalen Rohrstock zur Literatur gezwungen werden musste in die Jahre gekommen, hat selber Kinder und Enkel. Und was ist passiert? Was lesen die nun ergrauten Jünglinge von einst denn heute? Na, schauen wir doch einfach mal nach und gehen in eine Buchhandlung.

Dort wo die Bestseller der Erwachsenen liegen, finden wir dann schnell solch erbauliche Werke wie den Sarrazin, die Memoiren von Knitterface Keith Richards, die Kunst ein Egoist zu sein, oder auch keiner. Ratgeber für alle Lebenslagen. Ja, das ist alles hübsch bis oberhübsch, aber nicht mehr als schnelles Futter für das Hirn.

Boulevard in Buchformat. Alles Bücher, geschrieben für Menschen, die sonst keine Bücher lesen. Merkwürdig, jene Generation, der man die Literatur quasi per Schraubstock eingetrichtert hat, sitzt nun vor der Glotze und schaut Dschungelcamp.
Wenn Sie dann ein paar Meter weiter Richtung Kinder- und Jugendabteilung schwenken, dann gewinnen Sie den Glauben an die Menschheit zurück.

Da erklären naturwissenschaftliche Bücher den Kids, warum die Dinosaurier ausgestorben sind, Cornelia Funke kommt mit Phantasie, da provoziert ein Harry Potter mit Hunderten von Seiten. In der Jugendabteilung gibt es spannende, gutgemachte Jungsliteratur, für Mädchen sowieso.

Würde die Kinderbuchabteilung und die Erwachsenbuchabteilung einen, sagen wir mal, veritablen Boxkampf austragen, er würde nicht allzu lange dauern. K.O. in der ersten Runde, vermute ich. Das Erwachsenenbuch würde nach Luft röchelnd und mit zwei blauen Augen schnell ausgezählt sein.

Dass Erwachsenenbücher seit geraumer Zeit auf den schnellen Kick und den kurzen Event setzen, macht traurig. Dass Kinderbücher in Deutschland seit Jahren auf qualitativ höchstem Niveau verlegt werden, macht Hoffnung. Denn gerade unsere Kinder brauchen gutes Futter für’s Hirn, wenn sie in der immer komplizierter werdenden Welt bestehen wollen.

Kinder sind übrigens extrem kritische Leser. Sie merken schnell, ob etwas gut ist oder nicht. Erwachsene lassen sich viel leichter hinters Licht führen. Kinder aber nehmen nur das Buch in die Hand, das sie packt, sie lesen nur Bücher, die sie innerlich berühren, aber dann schmökern sie Male und aber Male. So wie Kinder offen ihre Meinung sagen, so fällen sie auch ihr ehrliches Urteil zu einem Buch.

Für Verlage und Handel lassen sich beim Kinderbuch noch jene Strukturen entdecken, die für eine gesunde Verlagsbranche notwendig sind. Da gibt es echte Bestseller im Novitätenbereich, immer wieder. Und beim Kinderbuch funktioniert die Backlist, so wie sie funktionieren sollte. Paul Maar und sein Sams, der Regenbogenfisch oder die kleine Raupe Nimmersatt sorgen für einen stetigen, jahrelangen Abverkauf.

Gar nicht zu reden von Longsellern wie Saint-Exupérys kleinem Prinzen oder den Geschichten Astrid Lindgrens.Ich finde beispielsweise erstaunlich, dass erst die jetzige Kindergeneration einen solch menschenfreundlichen Autor wie Erich Kästner wieder entdeckt, der von meiner Generation wenig beachtet wurde.

Und es gibt wunderbare Verlage wie Beltz & Gelberg oder Oetinger, die im Kinderbuch ein scharfes, hochqualitatives Profil besitzen. Profil, das die Erwachsenenbücher durch ihren kurzatmigen Aktionismus mehr und mehr verlieren. Es wird also Zeit, dass unsere Kinder und Enkel der Erwachsenengeneration zurufen: “Hey, Alter, jetzt lies doch auch mal etwas Anständiges!”