Hilfe: Skandal, Panik, Hysterie

Nun ist Google Street View voll ins mediale Sommerloch gefallen. Es hagelt Proteste, Einwände, Bedenken. Datenschutz und Persönlichkeitsrechte seien verletzt. Die vorgebrachten Argumente drohen ins Lächerliche abzurutschen. Als ob eine Hausfassade Persönlichkeitsrechte besäße! Nach dieser kruden Logik müsste man viele Webcams abschalten, manche Postkarte verbieten, Immobilienanzeigen schwärzen und Panoramaaufnahmen von Städten ganz verbieten. Der Fotojournalist könnte einpacken.

Bei all den neuen Services von Google versteht der Bürger nicht, dass sich hier eine moderne Form der Navigation und eine bessere Informationstiefe herausbildet. Es herrscht eine erschreckende Ahnungslosigkeit. Als würde ein Blinder von der Farbe reden.

Wenn schon, dann scheint mir doch Google Earth weitaus indiskreter als Street View. Die offene Sicht von oben zeigt, wer einen adretten Garten, einen hübschen Swimmingpool oder eine Terracotta-Veranda sein eigen nennen darf. Dagegen ist Street View doch harmlos.

Ich erinnere mich, als im wiedervereinigten Deutschland 1993 die Postleitzahlen von vierstellig auf fünfstellig umgestellt wurden. Auch da gab es Diskussionen, Befürchtungen, Bedenken, so als ob morgen die Welt untergehen würde. Ebenso als Mitte der 70er Jahre die Anschnallpflicht in Autos beschlossen wurde, auch da gab es Auftstand und Boykott, so als stünde die Zukunft des Abendlandes auf dem Spiel.

Immer wenn es etwas Neues, etwas Unvorhergesehenes gibt, dann kriegt der Deutsche die Flatter. Remember? Schweinegrippe. War nix – außer Hysterie. Heute sitzt Deutschland auf 30 Millionen Impfdosen. Hühnerpest. Auch nix. Merke: Der Weltuntergang bleibt vorerst aus.

Wir hangeln uns von Skandälchen zu Skandälchen. Warum ist da so? Der deutsche Fürsorgestaat hat es mit der Fürsorge übertrieben. Seinen Sinn sieht er ja nicht mehr darin, in wirklichen Notsituationen Hilfe zu leisten, sondern er sieht seine Aufgabe darin, die Risiken des beruflichen und privaten Alltages zu minimieren.

Damit kommen wir zur eigentlichen Rolle des Skandals im Wohlfahrtsstaat: Die normierte Wohlfühlgesellschaft braucht solche Skandälchen um sich aufzuregen. Den Kitzel, den die überregulierte Welt nicht bietet, den holt man sich künstlich. Hier wird eine Art Anti-Placebo verabreicht gegen zu viel Wohlfühltum.