Buchverlage: groß oder klein?

Die kleinen Buchverlage müssen durch Kreativität, Schnelligkeit und Kundennähe das wettmachen, was andere aufgrund von Größenvorteilen in Geld aufwiegen können. Die Kleinen entdecken die frischen Themen, sie treiben Innovationen an, sie sind die Trendsetter der Branche, ohne die es Stillstand und Leerlauf gäbe.

Kleinverlage können sich auch noch mit Inhalten auseinander setzen, Großverlage denken zuerst an Marketing und Deckungsbeitrag. Großverlage können auf den kurzen Kitzel setzen, bei den Kleinverlagen hingegen muss die Programmarbeit stets langfristig Substanz aufbauen. Es gilt, das eigene Profil zu schärfen.

Viele Klein- und Mittelverlage haben ein Gesicht und ein Profil. Ich weiß beispielsweise, dass der Buchverlag Wallstein für hohes literarisches Niveau steht. Ich weiß, dass Picus grandiose Reisereportagen veröffentlicht, dass Horlemann den kritischen Diskurs pflegt.

Welches Gesicht aber hat List? Lübbe? Blanvalet? Ullstein? In der Überfülle besteht die Gefahr, dass Buchverlage ihren Markencharakter verlieren. Titel, Themen und Autoren lassen sich austauschen. Wenn ein Jumbo-Verlag einen Autor unter Vertrag nimmt, beginnt oft zunächst unter den Verlagsleitern der Kampf, in welchem Imprint denn das Buchprojekt überhaupt erscheinen soll.

Auch höre ich in den letzten Jahren vermehrte Klagen von Autoren, die sich von anonymisierten Größtverlagen und dessen überarbeiteten oder outgesourcten Lektoraten nicht mehr sorgsam vertreten fühlen.

Großverlage wollen Größenvorteile durch schiere Masse erreichen. Größe alleine ist aber keine kluge Strategie. Bei einem Kulturgut kann reine Quantität nicht das Ziel sein, qualitative Markenführung ist wichtig. Eine Marke zu verwässern und die Qualität auf Boulevard-Niveau zu senken, kann jedoch keine Zukunftsperspektive sein.

Der Riese Bertelsmann beispielsweise hat im Buchbereich in den letzten Jahren keine allzu glückliche Hand bewiesen: alberne Namenswechsel, Strategieunsicherheit beim kraftlosen Club, keine Fortune im Internet. Während Bertelsmann im TV-Geschäft mit RTL von Erfolg zu Erfolg eilt, bekleckern sich die Buchmanager nicht gerade mit Ruhm.

Verlag-Dinos werden zwangsläufig zu Buchfabriken und gestandene Verleger werden durch Manager ersetzt, die Verlage wie Sockenfabriken führen. Wovon die Buchbranche aber lebt ist klar: von guten, anregenden Büchern und nicht von industrieller Massenproduktion.

Kleinverlage, oft als Idealisten und Selbstausbeuter belächelt, werden als betriebswirtschaftliche Größe leider nicht wahrgenommen. Viele werden ausgelistet, ihre Titel nicht mehr eingekauft, sie werden von den Medien nicht zur Kenntnis genommen.

Schade, denn wenn die Kleinen mit ihren erfrischenden Programmen nicht mehr gepflegt werden, dann verbaut sich auch der Handel die eigene Zukunft. Der Elefant mag ein beeindruckendes Tier sein, aber in vielem ist der flinke Hase sympathischer.