Cuba 1983

Kuba Schneefall in den Tropen Buch amazon Buchhandel BoD schneefall-cover.jpgAuszug einer Reisereportage aus Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Durch die engen, zerbröselnden Gassen der Hauptstadt schieben sich graue Moskvichs und vorrevolutionäre Chevrolets. Entlang den Strassen sieht man keine Reklame wie im Westen, es sei denn politische. Wir wohnen im Capri, einem hohen, breiten Luxushotel, dem man die Jahre so langsam ansieht.

In vorrevolutionären Tagen hatte die Mafia Cubas Hauptstadt fein aufgeteilt, Havannas Nächte hörte auf das Kommando der Bosse aus Chicago oder New York. Über das Capri herrschte Nicholas di Constanzo, im Deauville hatte Santo Trafficante junior das Sagen, Meyer Lansky machte das Hotel Riviera unsicher, sein Bruder Jack war der Platzhirsch im Hotel Nacional.

Wenn Al Capone in Havanna weilte, ließ er sich immer das Zimmer 615 des Hotel Sevilla reservieren, eines großen, schmalen Hotels in der Calle Trocadero mit farbenprächtig andalusisch ornamentierter Jugendstilfassade. Hatte Capone seine Betthäschen dabei, mietete er gleich die gesamte sechste Etage. Ob Wettspiel, Prostitution oder Heroinschmuggel, die amerikanische Mafia war in Havanna allgegenwärtiger als im Vatikan der liebe Gott.

Das Capri liegt im Vedado. Vedado heißt verboten, weil dort vor zweihundert Jahren keine Residenz erlaubt war, aus Schutz vor Piraten und Freibeutern. Das Vedado ist heute das feine Geschäftsviertel von Havanna. Aberglaube auch im real existierenden Tropen-Sozialismus: von Etage Numero 12 geht es direkt ins Stockwerk 14. Zimmer 1405 ist nicht unbedingt luxuriös, aber durchaus zweckmäßig eingerichtet. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, aber immerhin hat Herr Hitachi eine Klimaanlage eingebaut.

Im kargen Speisesaal tummeln sich die staatlich geführten Reisegruppen. Lebenslustige Witwen aus Mexiko, gesellige Deutsche aus Dresden und sowjetische Helden der Arbeit mit Sonnenbrand. Das Essen, überaus üppig und reichlich, ist liebevoll zubereitet, wobei man ihm vielleicht etwas mehr Würze wünschen dürfte. Der Fisch und die Kaltsalate entlocken selbst verwöhnten Gästen ein anerkennendes Kopfnicken. Cubatur schenkt zur Begrüßung jedem Besucher der Insel eine Flasche exklusiven brauen Caribbean Club, was einerseits eine nette Geste und andererseits schon mal ein Anfang ist.

Kaum habe ich das Capri zu einem kurzen Verdauungsspaziergang verlassen, da fallen schon die ersten Kojoten über mich her. „Mister, change Dollars?!.“ Mehr oder weniger diskret umlagern Halbwüchsige auf ihrer Jagd nach den US-Scheinchen die wenigen Touristenhotels. Denn der kapitalistische Greenback ist im sozialistischen Cuba illegale, aber begehrte Zweitwährung. Auf dem Schwarzmarkt wechsele ich unter konspirativen Umständen 20 Dollars zu 60 Pesos. Die Banco Nacional hingegen zahlt nur lausige 0,86 Pesos für einen Dollar.

Der Paseo del Prado gilt als Promeniermeile Havannas. Seit der Revolution heißt die baumbepflanzte Allee eigentlich Paseo de José Martí, aber niemand kümmert sich groß darum. Im Jahr 1515 hat Diego Velásquez die Stadt gegründet, in der heute mehr als zwei Millionen Menschen leben.

Diese Perle der Karibik vermittelt jenen morbiden Reiz des sympathisch Verlotterten und ihre Einwohner schwelgen in einem Gefühl, das trotz ausgeprägter Reglementierung die Freude am Leben genauso bewahrt wie die kleine Aufschneiderei.