Irdisches Paradies

Wer durch deutsche Großstädte bummelt, der trifft auf Verkaufsorte wie die Kö-Gallerie oder die Mädler-Passage, für die sich im Volksmund die Bezeichnung Einkaufsparadies einbürgert hat. Nanu, da liest man so rasch über diesen Begriff, und erst beim zweiten Nachdenken merkt man, dass hier etwas höchst Unterschiedliches kombiniert wird.

Wenn man Einkaufen und Paradies zusammenbringt, paart man das Profane mit dem Hehren, das Irdische mit dem Göttlichen. Mehr als nur ein Ausrutscher oder ein Marketing-Gag?

Das Paradies aus dem religösen Kontext herauszureißen, beweist zweierlei. Zum einen, dass der Wertverfall des Religiösen so weit fortgeschritten ist, dass selbst die Sprache flüchtig wird. Zum anderen – und jetzt wird es spannend -, dass sich Konsum heute gerne mit religiösen Attributen schmückt.

Ja, man kann sogar noch weitergehen: Je mehr Religiosität in unseren Breiten zugunsten eines Materialismus verfällt, desto einfacher kann eben jener Materialismus und das aktive Konsumieren religiöse Funktion annehmen.

Heute differenzieren sich Menschen über die Kleidung, über das Auto, das sie fahren, oder über das Netzwerk, in dem sie Mitglied sind. Konsum über Marken und die Zugehörigkeit zu Communities schaffen heute ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine spiritistische Allianz, wie sie früher nur die Religion zustande brachte.

Die rationale Aufklärung der 80er Jahre mit dem Infragestellen allen Bewährten hat der Gefühlswelt eines jeden – und Religion ist ein substantielles Gefühl – aus der Verankerung gerissen. Das nutzt die Industrie aus, und darum gehen wir ins Einkaufsparadies.