Metropole der Sozialscheine

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Immer wenn ich durch die Beusselstrasse fahre, fällt mir dieses merkwürdige Geschäft auf. Ninety-Nine’r. Haushaltsgeräte. Second Hand. Mit den alten Spül- und Waschmaschinen vor dem Laden. Nun ja, wenig verständliches Englisch für eine Zielgruppe, die es nicht eben dicke hat.

Aber etwas anderes macht mich stutzig. Es ist dieser seltsame Hinweis auf dem rotgelben Firmenschild. Annahme von Sozialscheinen. Sozialscheine. Was um Himmels Willen ist denn ein Sozialschein?

Stets schwankt mein Eindruck von Berlin. Wohlfeile Neubauten, eine spürbar wachsende Weltläufigkeit, hübsche Restaurants, besonders in Berlin-Mitte, dem ehemaligen Ost-Berlin. Im Westteil der Stadt hingegen sehen die Fassaden piefig, triste und verschlampert aus.

Auch die Zahl der Bettler wächst in Berlin. Bettler finden sich auch in München. Aber in Berlin sind es andere Bettler. In München kommen die Bettler von außen, aus Rumänien beispielsweise, und ihre Bettelei wird organisiert wie richtige Arbeit. In Berlin jedoch kommen die Bettler von innen, es sind Berliner, ihre Arbeit wirkt nicht organisiert, sondern verzweifelt.

Schnell steht man in Berlin auch im Tabakqualm. In New York sieht man auf den Strassen mittlerweile fast gar keine Paffer. Und die Berliner mit ihren Glimmstängel scheinen oft keine Genussraucher, sondern Unterschichtsraucher.

Nun könnte man Berlin als seltsames Biotop aus Politik am Tropf, Multikulti-Romantik und vier Jahrzehnte kommunistische Diktatur abtun. Doch seit 20 Jahren ist dies unsere Hauptstadt, eigentlich müsste die Stadt erblühen wie eine Frühlingsrose nach einem kalten Winter.

Doch hier zeigt sich auch, wo rot regiert, da zieht über kurz oder lang eine schleichende Armut in die Strassen und eine verschämte Not auf die Plätze. Und wo tiefrot regiert, da geht es für viele rasch abwärts mit materiellem Wohlstand und bürgerlicher Gediegenheit.

Traurig genug, dass Deutschlands größte Stadt keinen einzigen Konzern von Weltrang, kein DAX-Unternehmen und keine bedeutende internationale Firma vorzuweisen hat. Traurig, aber irgendwie bezeichnend!

An dieser Metropole lässt sich der Unterschied von Sozialisten und Liberalen deutlich ausmachen. Sozialisten, für die Reichtum ja den Beiklang von Raub und Betrug besitzt, wollen den Mangel gerecht verteilen. Liberale hingegen wollen Reichtum erzeugen.

Wenn der politische Anspruch genügt, Armut nur zu verwalten, dann kann man in dieser Stadt der Sozialscheine ein paar lohnende Feldstudien tätigen.