Fotokiste: Reise in die DDR

ddr.jpgOst-Berlin, den 19. Juni 1975

Nun gibt es ja die Deutsche Demokratische Republik schon seit 20 Jahren nicht mehr und je länger ihr Ableben zurück liegt, desto trüber und verklärter schweift mancher Blick in diese sozialistische Vergangenheit.

Und schon melden sich Demagogen und Vernebler: Ja, das mit der DDR sei doch eigentlich eine gute Idee gewesen, na ja, hier und da vielleicht ein bißchen aus dem Ruder gelaufen, aber im Prinzip war das Ganze doch ganz o.k.

Man darf sich erinnern, wie man in diesen “ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden” hinein kam. Übrigens, heraus kam man gar nicht. Da lag eine hohe Mauer, Minenfelder und der Schießbefehl dazwischen.

Aber auch von West nach Ost zu kommen, war so einfach nicht. Wer von BRD nach DDR wollte, musste sich zunächst der sozialistischen Bürokratie anheim geben: Ein Tagesvisum beantragen, seine Einreisegebühr entrichten und den Mindestumtausch von 6,50 DM in Ostgeld vollziehen. 1 zu 1.

ddr2.jpgDie Einreise in die DDR erfolgte über den S-Bahnhof Friedrichstrasse. An dieser sogenannten Grenzübergangsstelle musste man in einem kalt-grauen Warteraum ausharren bis man an die Reihe kam.

Dann durfte der Besucher alleine in einen mit Neonlicht beleuchten körperengen Schleusenraum eintreten, Papiere wurden geprüft, der Besucher in Augenschein genommen, der Zoll durchsuchte die Taschen.

Dann gab es einen Wisch mit Personaldaten, Tag und Uhrzeit des Übertritts. Und mit allerlei beeindruckenden Stempel. Der Wisch wurde bei der Ausreise wieder eingezogen.

Für einen Schüler aus der behüteten Welt der Provinz war ein solches aus der düsteren Welt eines John Le Carré nicht ohne Charme. Dass ein Staat eine Abiturklasse wie Schwerverbrecher behandelte, man mochte es glauben und trug es mit Belustigung.

Für dumme Jungs, die durch das sozialistische Ost-Berlin bummelten, war es dann schon ein Erlebnis, dass die Straßenbahn 10 Ost-Pfennig kostete und das Mittagsessen 1,65 Ost-Mark. Dass diese Straßenbahn dann marode und das Essen schlecht war, darüber sah man als Schüler nonchalant hinweg. Aber eines war spürbar, lag stets in der Luft, stand zwischen Mensch-Ost und Mensch-West. Es war dieses zu wenig an Freiheit und dieses zuviel an Trostlosigkeit.

Nach einem Tag war der Spuk - nicht ohne Amüsement - vorüber. Für die Bewohner der DDR hat er noch vierzehn Jahre angehalten. Ohne Amüsement.

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