Modernisme – Protest gegen die Gerade

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Barcelona, im April 2009

Beim Bummel durch die Strassen Barcelonas fallen rasch die zahlreichen Art-Nouveau-Gebäude ins Auge. Wohl keine Stadt der Welt kann einen solchen Reichtum an Jugendstilhäusern vorweisen wie die Metropole Kataloniens.

Die katalanische Spielart des Jugendstils wird hier Modernisme Català genannt und vielen scheint er als die wohl radikalste und auch erfolgreichste Ausprägung des europäischen Jugendstils.

Eigentlich ist der Modernisme ein Protest gegen die Gerade. Jene Schnörkel und bunten Verzierungen werden als Auflehnung gegen die neogotische Architektur zu Ende des 19. Jahrhunderts verstanden. Die aufkommende Industrialisierung führte zu diesen häßlichen Zweckbauten, die zum Teil noch heute als Wohnhäuser, Bahnhöfe oder Fabriken unseren Sehnerv strapazieren.

Der Modernisme hingegen wollte die Buntheit, die Bewegung und damit die pulsierende Lebendigkeit. Jahrzehnte später hätte man die bekanntesten Architekten des Modernisme – Antoni Gaudí, Josep Puig i Cadafalch oder Lluis Domènech i Montaner – vielleicht als Hippies bezeichnet, denn ihr Konzept ist ein anarchisches Aufbäumen gegen die wohlgefügte rationale Ordnung.

Diese Bewegung des gebildeten städtischen Bürgertums wollte den Schlenker, die Freiheit und die Individualität. Sie lehnte das Gleichmaß ab, war gegen jene Klarheit, die letztlich nur in einer Ödnis und Eintönigkeit mündete.

Statt dessen setzte der Modernisme auf seine romantisch-verträumte Rundungen. Die Natürlichkeit und die Bewegung sollten Zweckhaftigkeit und Normiertheit ablösen. Die Casa Milà, die Casa Batllo oder der Palau de la Música Catalana stehen in Barcelona als gar nicht so stumme Zeugen einer Durchdringung dieser Kunst in das Alltagsleben.

Damals belächelt und heute bewundert, jene Hippies, die die Strenge und Rationalität der Geraden nicht mochten.