Hemingway und die einfachen Menschen

hemcaoblog.jpgAbendbummel durch das kleine venetianische Fischerdorf. Hier an der adriatischen Küste wartet in der pittoresken Altstadt eine merkwürdige Entdeckung.

Hinter die Fensterscheibe eines der typischen farbenfrohen Häuser hat jemand das Portrait eines älteren, bärtigen Mannes gehängt. Nein, nein, nicht Jesus, ganz falsch. Sondern – Ernest Hemingway.

Es bleibt ein bemerkenswertes Phänomen, dass dieser Nobelpreisträger gerade von einfachen Menschen mit großer Passion gelesen wird. Auch Leute, die sonst selten ein Buch in die Hand nehmen, erliegen der Faszination seiner Stories und Romane.

Hemingway beherrscht wie kein anderer die Kunst des knappen Satzes. Jene schnörkellose Prosa, die sich kurz und flott erliest, jedoch in jeder Zeile auch die Muskeln spielen lässt. Diese Kühlheit der Sprache passt nicht nur zu Hemingways Helden, sondern drückt zugleich das Lebensgefühl vieler Generationen aus.

Denn wer droht nicht an den eigenen Idealen und Ansprüchen zu scheitern? Hemingway spricht vor allem jene Männer an, die von Niederlagen, zerplatzten Träumen und maskulinen Krisen desillusioniert auf dem schmalen Grat zwischen Triumph und Absturz wandeln.

Hemingways menschliche Helden laufen nahe der Wirklichkeit, ihre Gefühlswelt ist dem Leser nicht fremd: das Streben nach Glück, der Versuch des Sieges und dann doch das Scheitern. Die Suche nach Männlichkeit, die Sehnsucht nach dem Absoluten, das sich nicht finden lässt.

Kein anderer Schriftsteller hat diese Verzagtheit und diese Bedrängnis des Menschen prägnanter geschildert als er. Aber auch die Verlockung, die Träume und die Hoffnung des Menschen vermochte kein Autor eindringlicher in Worte fassen als dieser bärtige Amerikaner Ernest Hemingway, dem dafür noch heute Verehrung gezollt wird.