Der Burrier

Eigentlich hätte ich stutzig werden müssen. Nein, so plump kann die Verführung nicht daher kommen. Aber beim Menschen und ganz gewiss bei der männlichen Ausprägung des homo erectus lassen sich bisweilen jene Aussetzer beobachten, die man dann später im Rückblick beschönigend als Dummheit oder ausgemachte Tölpelei zu charakterisieren pflegt.

Aber der Reihe nach: Da stehe ich mit meinem silbernen Rimowa-Koffer inmitten der Passagierschlange aus wohl 15 Personen, die alle am Faucett-Schalter für die Abendmaschine nach Lima einzuchecken gedenken. Und dann kommt plötzlich diese strahlende Schönheit in die Flughafenlobby stolziert, eine blutjunge Frau mit weichen Gesichtszügen, eine zierliche Venus im enganliegenden Kleid, das die wohlgeformten Rundungen noch betont. Einen vielleicht zweijährigen Jungen trägt sie etwas bemüht auf dem linken Arm.

Noch bevor ich mir die Frage beantworten kann, was denn ein solch bezauberndes Geschöpf in einem solch faden Andenkaff wohl zu suchen hat, steuert sie schnurstracks auf eine Person aus der langen Warteschlange zu. Diese Person bin ich.

Mit strahlenden Augen und dem betörendsten Lächeln, das ich seit zwei Monaten gesehen habe, fragt sie, ob ich ihr beim Einchecken helfen könne. Und das sind dann die Momente, wo bei einem Mann die Beine und das bisschen Hirnmasse weich werden. Selbstverständlich, antworte ich fast mechanisch, es sei mir ein Vergnügen.

Sie gesellt sich mir zu, stellt sich neben mich, erzählt, dass sie nach Lima zu ihrem Bruder fliege. Und langsam rücken wir, wie ein Ehepaar, das sich nicht erst 20 Sekunden, sondern 20 Jahre zu kennen scheint, in der Schlange nach vorne. Das Kind sei der Sohn ihres Bruders, sie selbst sei ledig, und sie freue sich, mich getroffen zu haben, meint sie mit einem zarten Augenaufschlag.

Kurz bevor wir an der Reihe sind und noch ehe die Faucett-Angestellte in ihrem adretten roten Kleid mein Flugticket verlangt, fragt die rassige Schönheit mich beiläufig, ob ich ihren Koffer wegen ihres Übergepäcks liebenswürdigerweise auf mein Ticket nehmen könne.

Die Blackouts der Männer dauern mal länger, mal kürzer. Meiner ist just in diesem Augenblick zu Ende. Die Beine stabilisieren sich und das Hirn rutscht wieder hoch unter die Schädeldecke. Sicher helfe ich gerne, antworte ich verbindlich und freundlich, nur würde ich prinzipiell kein fremdes Gepäck auf mein Ticket nehmen. Sie bitte mich inständig, ihr Gesicht nimmt flehentliche Züge an, bitte, wegen des Kindes.

Diesmal sage ich nur kurz: nein! Und da wechselt von einer Sekunde zur anderen der Liebreiz in Wut, da wandelt sich eine wunderschöne Frau in einen feuerspeienden Drachen. Die Furie schreit mich vor allen Leuten an, ich sei herzlos, ohne Gefühl, kein Kavalier, ein Arschloch halt. Und kaum hat sie mir das alles an den Kopf geschleudert, dreht sie sich wutschnaubend um, und verlässt mitsamt dem Kinde schnellen Schrittes die Flughafenhalle.

Die saubere Dame hat jenes versucht, wofür die Peruaner den hübschen Begriff burrier erfunden haben. Ein burrier – ein Wort das sich von burro, dem Esel ableitet -, das ist so eine Art Lastesel, der für andere Waren befördert. In diesem Falle allerdings eine heiße Ware mit Namen Kokain. Feinsinnig wird zwischen Koffer-Burriers und menschlichen Burriers unterschieden. Ein Koffer-Burrier lässt sich einen Koffer mit doppeltem Boden oder eine ausgehöhlte Statue unterschieben, während ein Menschen-Burrier kleine abgepackte Präservativbeutelchen mit Kokainpulver schluckt und den gefüllten Magen durch den Zoll bringt.

In den Provinzflughäfen oder auf Limas internationalem Airport Jorge Chávez spürt die Kokainmafia unbedarfte Touristen oder gutgläubige Rucksacktraveller auf, denen man das präparierte Gepäck mitgeben kann. Oder aber man findet dreiste Flugpassagiere, die wissentlich schnelles Geld verdienen möchten, und als Burrier zwei, drei oder vier Kilo nach Amsterdam oder Madrid transportieren. Wenn es gut geht. Die europäischen Burriers bei denen es nicht gut gegangen ist, kann man in Lurigancho, dem Drogen- und Terroristenknast Limas, besuchen. Sonntags. 8 bis 10 Jahre.