Erich Wiedemann: der schwarze Mann vom SPIEGEL

wiedemann-blog.jpgMit Genuß und reichlich Erkenntnisgewinn habe ich ihn stets gelesen. Die Reportagen des Afrika-Kenners Erich Wiedemann im SPIEGEL besaßen eine Klasse für sich. Er war so etwas wie das journalistische Frontschwein und die reportierende Wühlmaus des Nachrichtenmagazins. Denn er hielt’s mit der alten, pragmatischen Journalistenregel: Hinfahren, hinschauen, aufschreiben.

Seine Reportagen hoben sich von dem üblichen Sozialgesülze der anderen SPIEGEL-Schreiber wohltuend ab. Er war – neben Wilhelm Bittorf – wohl der packendste Reporter, den das Wochenmagazin je hatte.

Im Osburg Verlag hat Wiedemann, heute im Rentnerstatus, mit seinem Buch Unser Mann in Timbuktu nun einige lesenswerte Erinnerungen aufgeschrieben. Nicht chronologisch, nicht strukturiert, eher fragmentiert, jedoch angenehm wie die Plauderei vor einem lodernden Wohnzimmerkamin. Wie er Idi Amin auf der Spur war, wie er Josef Mengele suchte, wie die Three Mile Island-Panne im SPIEGEL journalistisch bewältigt wurde. Wiedemann war bei der Zeitschrift zuständig für ferne Diktatoren und sonstige Katastrophen, und wohl auch das bodenständige Korrektiv einer von 68 berauschten Redaktion.

In seinen Buch zeigt Wiedemann auch die verletzliche Seite des harten Jungen auf: Die Unsicherheit, die Phobien, die Angst im Gefängnis, die Unwissenheit. Das kommt nicht als Koketterie rüber, sondern zeugt von Offenheit und Freimut des Reporters. Neugier sei immer Suche, die Suche nach Wahrheit. Auch so eine alte Journalisten-Weisheit.

Man erfährt eine Menge aus dieser Neuerscheinung. Wie man eine Recherche angeht, wie eine elitäre Redaktion funktioniert oder auch nicht, wie man das Schreiben anpackt, und – am wichtigsten – warum gerade Eigensinn einen guten Reporter prägt.

Denn Wiedemann hat sich nie dem herrschenden Zeitgeist untergeordnet. Dafür war er zu sehr Individualist, zu sehr Einzelkämpfer, wohl auch immer ein Zweifelnder, was aber letztlich jeder gute Reportagenschreiber ist. Viele seiner Stücke sind genau recherchierte und präzise beobachtete undogmatische Kabinettstücke. Wenn man den Anfang seiner Reportagen liest, weiß man nie, wie sie denn ausgehen. Das ist wohl das größte Kompliment an einen Autor.