Ein parfümierter Pudel – New Journalism in Deutschland

timmerberg8.jpgIn den 60er Jahren riefen junge Journalisten und Schriftsteller in den USA die literarische Revolution aus: Die Grenzen von Journalismus und Literatur sollten verschwinden. New Journalism liest sich wie Fiktion, ist aber keine. Auch Reporter sollten erzählen und Geschichten schreiben. Aber nicht mehr wie der General auf seinem Feldherrnhügel, sondern sie sollten hinab laufen ins Getümmel.

Der Journalist muss in die Handlung rein, er muss das Blut spritzen sehen, den Staub riechen und das Geschrei hören können. Der New Journalism geht nah ran, nah wie ein Paparazzo. Das war natürlich nichts für das ehrpusselige Deutschland. Da gab es keine New Journalists von Bedeutung.

Keinen wirklichen Star. Erich Wiedemann hätte sicherlich das Zeug dazu gehabt. Vielleicht hätte er gewollt, aber Der Spiegel nicht. Jörg Fauser und Axel Arens, die wohl grössten Talente, beide zu früh gestorben. Marie Luise Kaltenegger, eine Österreicherin, hat’s gekonnt, ist aber nicht richtig dran geblieben. Jürgen Ploog, der hätte was werden können, wenn er gefördert worden wäre und nicht immer überdrehen würde.

Heute bleibt eigentlich nur einer über. Helge Timmerberg, der ist richtig gut, der kann’s. Auch, weil er sich kompromisslos hinter seine Sache stellt. Als brillanter Stilist überzeugt er obendrein. Eine Stadt-Reportage über Dublin fängt Timmerberg so an: Das Wetter: Beschissen wäre geprahlt. Die Preise: balla-balla. Der Nichtraucherschutz: total durchgeknallt. Da merkt man bei den ersten Sätzen Leidenschaft, da spürt man Saft und Kraft. Der richtig gute Reporter ist ein streunender Strassenköter und kein parfümierter Pudel. Und Timmerberg gibt den ganz wilden Streuner, einen, der an jeder Ecke schnüffelt.

Die heutige Ärmelschoner-Generation der Fichtners, Schnibben, Schreps bewirkt publizistischen Stillstand. Weil diese Reporter seit Jahren moralinsauer genau jenes schreiben, was ihr Publikum von ihnen erwartet. Sie haben ein Bild, ein Urteil, eine fertige Meinung, anstatt bloss rauszugehen, genau zu gucken und aufzuschreiben.

Auch finden sich in Deutschland nicht solche Magazine wie in den USA, die den New Journalists eine Plattform eingeräumt haben: The New Yorker, Atlantic Monthly, Esquire oder Rolling Stone. Vielleicht ist der New Journalism in Deutschland auch an der Armseligkeit seiner Magazine gescheitert.

siehe auch: Gay Talese
siehe auch: Hunter S. Thompson
siehe auch: Tom Wolfe
siehe auch: The New Journalism

3 Gedanken zu „Ein parfümierter Pudel – New Journalism in Deutschland

  1. jo

    da haben Sie wohl recht:
    „Vielleicht ist der New Journalism in Deutschland auch an der Armseligkeit seiner Magazine gescheitert.“ typisch deutsch eben.

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