Gay Talese

esquiresinatra.jpgEine der besten Reportagen aller Zeiten hat der New Yorker Journalist Gay Talese geschrieben: Frank Sinatra Has a Cold. Im April 1966 erschien sie im Esquire. Beim 70-jährigen Bestehen der Monatszeitschrift 2003 wurde sie als die beste Esquire-Geschichte aller Zeiten ausgezeichnet.

Frank Sinatra, ein Glas Bourbon in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, stand in einer dunklen Ecke der Bar, an seiner Seite zwei scharfe, aber langsam verblühende Blondinen, die darauf warteten, dass er etwas sagte. Er sagte aber nichts…

So beginnt Taleses Reportage Frank Sinatra Has a Cold. Dabei fing die ganze Sache nicht gerade gut an: Der Sänger lehnte ein Interview ab und mochte auch sonst von dem Schreiberfuzzi nichts wissen. Doch statt aufzugeben, hängte sich Gay Talese drei Monate an den Sinatra-Tross, interviewte Friseusen, die Maniküre, eigentlich jeden, der nicht weglaufen konnte. So entstand ein beeindruckendes Portrait, das sich um das Objekt schleicht, wie der hungrige Wolf um das scheue Reh.

Gay Talese, Jahrgang 1932, ist der herausragende Vertreter eines Schreibstils, der New Journalism genannt wird. Er arbeitet viel mit Dialogszenen, der Journalist – und damit der Leser – steht daneben. Große Ohren, große Augen, gute Nase – alles selbstverständlich für den Journalismus, die Neuen haben aber nochmals dafür sensibilisiert.

Talese, der auch für die New York Times schrieb, veränderte die Perspektive des Schreibens: Bei einem Boxkampf portraitierte er nicht den Boxer, sondern den Mann, der den Gong schlug. Unbeachtete Dinge rücken in den Vordergrund. Talese beobachtet Aussenseiter, Verlierer, Verzweifelte, Allerweltstypen. Das sei allemal besser als Stars und Sternchen zu beschreiben, die eh nur noch Maske und Fassade sind.

Frank Sinatra Has a Cold war eine Sternstunde des New Journalism.

siehe auch: The New Journalism
siehe auch: New Journalism in Deutschland
siehe auch: Hunter S. Thompson
siehe auch: Tom Wolfe