Hartz IV-Fernsehen

Für ein paar Tage mit einem grippalen Infekt ans Bett gefesselt. Die Krankheit bot das zweifelhafte Vergnügen, sich via nachmittäglicher TV-Sendungen ein Zustandsbild über dieses Land zu verschaffen.

Was schaut man sich denn im Fernsehen so an, wenn die meisten Menschen bei der Arbeit sind? Da werden verdreckte Wohnungen entrümpelt, Alkoholiker vorgeführt, Lehrstellen im Wettbewerb vergeben, da werden Vaterschaftstest coram publico erörtert, Seitensprünge gebeichtet, Schuldner beraten und Kinder von der Strasse geholt.

Erschreckend in welch erbärmlichem Zustand das Land ist! Es hat sich über die Jahre hinweg eine Parallelwelt entwickelt, die den Zustand des Broterwerbs und den des sozialen Aufstiegs nicht kennt, sondern über Generationen von staatlicher Zuwendung lebt. Resignation und Fatalismus kennzeichnen diese Schicht.

Dabei ist die Lösung zumindest bekannt. Sie lässt sich in zwei Begriffen zusammen fassen. Bildung und Arbeit. Beides fehlt. Aber beides ist erforderlich, um am Wohlstand der Gemeinschaft zu partizipieren.

Für die jetzige Generation wohl zu spät, sollte eine robuste Grundlagenbildung doch zumindest für deren Kinder und Enkel der Schlüssel zum Ausstieg aus der sozialen Misere sein. Dazu bedarf es allerdings eines Schulsystems, das die Lernschwachen und Lernfernen fördert. Wie übrigens auch die Lernspitze besser gefördert werden sollte. Beides tut das jetzige Bildungssystem nicht, es ist zu sehr an der Mittelschicht und dem “Normalfall” orientiert.

Auch ein anderes wird klar: Die Leute müssen schnell in Arbeit kommen, um nicht abzurutschen. Hartz IV ist ein süßes Gift. Denn Arbeit meint nicht nur Gelderwerb, sondern auch mentale Prägung. Dass man morgens früh aufsteht, das man sich diszipliniert hinter eine Aufgabe stellt, dass man soziale Kontakte aufbaut und – nicht zuletzt – dass man seinen Kindern ein Vorbild gibt. Auch hier hat unsere Politik versagt, sie motiviert die sozial Schwachen nicht zur Arbeit, sondern stellt sie mit Geld ruhig. Im Gegenteil: Durch Mindestlohn wird der Unterschicht der Eintritt ins Arbeitsleben überaus schwer gemacht.

Dies ist das Ernüchternde, wenn man sich die Hartz IV-Sendungen anschaut: Unsere Gesellschaft und Politik haben es über die Jahre nicht geschafft, den Schwachen und Ungebildeten eine Perspektive zu eröffnen.

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3 Gedanken zu „Hartz IV-Fernsehen

  1. Tom

    Ganz schlimm sind diese CallinTV shows, das grenzt an ungemeiner Verblödung, neuerdings kommen die auch schon in normalen Sendungen (bei SRTL) Vormittags vor. Ich bekomme da regelmäßig zu viel.
    Guter Artikel, gruss Tom

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