Mr. Bezos, forget eBooks!

newsweekkindle.jpgVor vier Monaten hat Amazon-Chef Jeff Bezos in den USA das eBook-Lesegerät Kindle vorgestellt. Und dazu gleich noch einen Download-Shop für eBooks. Ist mit der Amazon-Offensive das Ende des Gutenberg-Zeitalters eingeläutet?

Die Amerikaner schwärmen von Kindle wie Teenager von ihrer ersten Liebe: Digitale Bücher würden ein neues Zeitalter der Literatur einläuten, das Bücherlesen werde unabhängig von Zeit und Raum. Auch für die Produzenten brächen paradiesische Zeiten an mit geringen Produktions- und Logistikkosten. Und umweltschonend sei das ganze obendrein. Kurz, die Buch-Revolution werde in den nächsten Tagen ausbrechen.

Aber wie das mit Revolutionen halt so ist, manche gehen gründlich in die Hose. Technik statt Mensch – das geht schief. Sicher, drollig ist das Experiment Kindle von technischer Seite schon: Das gerade 300 Gramm schwere Lesegerät verwendet die Technologie der elektronischen Tinte und vermag – ohne Zwischenschaltung eines PC – Bücher, Zeitungen und Zeitschriften direkt auf das Lesegerät zu laden. Kindle hat eine Bildschirmdiagonale von gut 15 cm und kostet knapp 400 Dollar.

Orgastisches Zucken bei Amazon! Trotzdem sollten Hersteller, die ein Produkt auf den Markt werfen, ihre strategischen Marketing-Hausaufgaben machen. Gibt es eine Nachfrage nach herunterladbaren Büchern? Wo ist der USP der eBücher? Ist der Kunde für eBooks zu begeistern?

Ich verwette eine Flasche Sekt vom Aldi, dass der Kindle und Artgenossen sich so nicht durchsetzen werden. Denn das althergebrachte Medium – das gedruckte Buch – ist ein an sich perfektes Produkt. Handlich, bequem, mobil, die schwarze Type steht kraftvoll auf weißem Papier. Kein Flimmern, kein Blenden, keine Kontrastprobleme, keinen Ärger mit dem Saft.

Längst ist erwiesen: lange Texte werden am Schirm nicht gelesen. Der mangelnde Kontrast lässt die Augen zu schnell ermüden, Lesen wird als anstrengend empfunden. Für ausführliche Texte ist die Papierform nach wie vor unschlagbar.

Das Buch bleibt ein sinnliches Medium. Bücher sind kleine Kunstwerke, mit feinen Kapitälchen, einem warmen Schriftbild und angenehmen Papier. Es wird gesammelt, gehegt und gepflegt. Das elektronische Buch hingegen ist ein kaltes Medium aus Flimmerschrift mit einem Lämpchen hintendran. Es macht keinen Sinn, ein an sich perfektes Produkt durch ein unvollkommenes abzulösen.

Und nicht zuletzt: Der Reiz eines Buches liegt gerade in seiner linearen Struktur. Das Lesen von der ersten bis zur letzten Seite entspricht einer natürlichen Rezeptionsgewohnheit des Menschen. Die Endlichkeit eines Buches – im Gegensatz zur Unendlichkeit der digitalen Welt – vermag Erreichtes, Erfolgtes und damit Wohlbehagen zu stimulieren.

Zur Markteinführung in den USA hörte man bemerkenswerterweise überwiegend technikgetriebene Argumente zu Gunsten des Kindle. Doch was interessiert mich Speicherkapazität oder Akkuleistung? Technik kann auf Dauer nie Antrieb zum Lesen eines Buches sein, dies muss schon Inhalt und Lesenutzen übernehmen. Wenn man bei einer Produktentwicklung die Technik und nicht den Menschen in den Mittelpunkt rückt, dann kommt bisweilen eben ein Rohrkrepierer heraus.

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2 Gedanken zu „Mr. Bezos, forget eBooks!

  1. Udo Gerhards

    “Kein Flimmern, kein Blenden, keine Kontrastprobleme, keinen Ärger mit dem Saft.”

    Ich habe noch nie selbst einen Reader auf eInk-Basis in der Hand gehalten, aber laut allen Berichten ist es genau der Vorteil der eInk-Technologie, dass genau diese Punkte bei diesen Displays keine oder zumindest eine untergeordnete Rolle spielen.

    Der USP der eBooks kann mehrerlei sein: 1. die Tatsache, dass man auf weniger Raum als der, den ein Taschenbuch verbraucht, dutzende, gar hunderte Bücher mit sich führen kann, 2. dass man bei den eInk-Geräten zuhause ein Buch kaufen und ohne Versandwartezeit oder gar das Haus zu verlassen gleich zu lesen beginnen kann, bei den Geräten mit WLAN-Möglichkeit sogar z.B. bei Starbucks oder im Hotel, 3. dass (hoffentlich) Bücher in der elektronischen Variante preislich günstiger als die gedruckte Ausgabe sind. Allerdings ist der Preis für die eBook-Hardware eigentlich noch viel zu hoch, um die auszugleichen. Andererseits sind auch die iPods für das, was sie bieten, viel zu teuer, und trotzdem:

    Auch die LP war “ein sinnliches Medium”. LPs waren “kleine Kunstwerke”, mit tollen Covern, warmen und angenehmem Klang. Sie wurden “gesammelt, gehegt und gepflegt”. Heute: iPod und iTunes.

    Das grösste Problem des Kindle ist ertsmal sein unglaublich unattraktives Design. Deutlich ansprechender sind Produkte wie z.B. das Cybook von Bookeen, hinter dem aber leider nicht die Marktmacht von Amazon steht.

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