Fotokiste: Günter Wallraff

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Bergisches Land, 5. Juni 1979

Letzten Dienstag hatte Günter Wallraff im ZDF eine 45-minütige Reportage zur besten Sendezeit um 21 Uhr. Es ging um Call Center und GW war wieder einmal undercover unterwegs gewesen, um Mißstände aufzudecken.

Ich traf Günter Wallraff im Sommer 1979. Er hatte über drei Monate unerkannt in der BILD-Lokalredaktion in Hannover gearbeitet und enthüllt, mit welchen Methoden Deutschlands führende Zeitung zu arbeiten pflegt. Sein Buch “Der Aufmacher - Der Mann, der bei ‘Bild’ Hans Esser war” erklomm rasch die Bestsellerlisten und wurde heftig diskutiert. Neben reichlich Lob und Bewunderung hagelte es Widerspruch, Klagen, Boykotte und Wallraff zog sich für einige Tage zurück.

Seine Assistentin lotste uns unter leicht konspirativen Umständen zu seinem Refugium. “Fahren Sie nach Bergisch-Gladbach, dann Richtung Kleinkleckersdorf, auf halbem Weg sehen Sie eine hohe Eiche, biegen Sie dort in den Waldweg…” So waren wir, zumindest für einen Tag, Teil des System Günter Wallraff.

In dem Sommerhaus im Bergischen empfing uns Wallraff freundlich, neugierig und doch stets auf der Hut. Er war eigentlich immer auf der Lauer, und manchmal wußte man nicht so recht, ob man nun Günter Wallraff oder doch Hans Esser vor sich hatte.

Ich mag Wallraffs subjektive Annäherung an das Schreiben. Das hat eine lange Tradition, denn schon Upton Sinclair hatte 1905 mit The Jungle einen inkognito recherchierten Roman veröffentlicht, der die Zustände in den Schlachthäusern von Chicago anprangerte. Muckraker, nennen die Amerikaner diese Form des Journalismus verächtlich, Schmutzwühler, Nestbeschmutzer. Manchmal hört es sich wie eine Auszeichnung an.

Und Muckraker Wallraff hatte tolle Scoops: Er flätzte sich bei Gerling auf den Chefschreibtisch, er war der Türke Ali bei Thyssen und - mein Liebling - er deckte Putschpläne und Waffenschiebereien des sinistren früheren portugiesischen Staatspräsidenten General António de Spinola auf.

In der schwedischen Sprache hat sich der Begriff wallraffa eingebürgert, das Verb bezeichnet einen verdeckten Recherchestil. Wallraff hat den Journalismus um eine Dimension bereichert. Überraschend angreifen, unerkannt beobachten, ganz nah rangehen. Das ist zwangsläufig höchst subjektiv und nicht mehr objektiv. So what? Das ist jedenfalls aufregender und spannender als das meiste Zeug, das die Sesselpupser so schreiben.

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