Wo bleibt der Lektor?

Im Gespräch klagte mir eine hochmögende Autorin, eine der scharfsinnigsten Personen dieser Republik, sie finde in den Verlagen einfach keine Ansprechpartner mehr, mit denen sie auch inhaltlich über die Themen ihrer Bücher sprechen könne. Ihr letztes Buch habe eine freie Mitarbeiterin, bar jeder Vorbildung, lektoriert.

Nachdem nun die Verleger vom alten Schlag im fernen Himmelszelt ihre Schachpartien spielen, wird heute mehr und mehr eine kolossale Lücke sichtbar. Der Verleger, der die Manuskripte seines Verlages liest, verbessert und als Thema an die Öffentlichkeit bringt, diese Sorte Verleger fehlt uns. In den letzten Jahren konnten kluge Lektoren in diese Lücke springen, Halbverrückte, die mit Akribie und unter Selbstausbeutung ein Manuskript zu ihrer eigenen Sache machten.

Früher galt: Spitzentitel lektoriert der Chef(lektor) höchstselbst. Aus einem Manuskript sei das beste herauszuholen, ohne zeitlichen und intellektuellen Aufwand zu scheuen. Ich habe vor vielen Jahren gelernt: Quality first – alles hat sich der Qualität unterzuordnen. Auf diese Maxime zu achten, war heilige Aufgabe des Lektors. Da scheute man keine Mühen: Manuskripte wurden in nächtelanger Arbeit überarbeitet und redigiert, ganze Bücher von Lektoren um- und neugeschrieben.

Kürzlich sagte mir der junge Verleger eines mittelgrossen Sachbuchverlages, er lasse seine Bücher gar nicht mehr lektorieren. Er meinte es ganz nonchalant, so als sei es für ihn das Selbstverständlichste von der Welt. Jedoch ist es ein Irrweg, in der Ablösung des Lektors durch den Produktmanager die inhaltliche Dimension zu vernachlässigen.

Machen Sie sich als Leser doch einmal den Spaß und schauen sie in die belletristischen und sachbuchlichen Neuerscheinungen dieser Tage mit sprachwachem Auge hinein. Da wimmelt es nur so von grammatikalischen, orthographischen und begrifflichen Fehlern. Nehmen Sie das Personenverzeichnis eines Sachbuches unter die Lupe, und sie werden auf Fehlersuche eine Menge Erfolgserlebnisse haben. Da werden Namen falsch geschrieben, Vornamen nicht recherchiert, fremdsprachliche Namen falsch gedeutet.

Sie werden Fehler und Unzulänglichkeiten finden, die sich einschleichen, wenn man statt ausgebildeter und erfahrener Lektoren nur mehr Praktikanten und halbfertige Studenten an Manuskripte setzt. Je mehr Arbeitsplätze in den Lektoraten wegrationalisiert werden, desto mehr verliert das Buch seinen Nimbus.

Sicher, die Zeiten sind nicht einfach und die Verlage müssen haushalten. Aber kann beispielsweise die Sparwut in einem Krankenhaus soweit gehen, daß man Zivildienstleistende an den Operationstisch lässt? Quality first, dieser Grundsatz ist leider aus der Mode gekommen, und die Verlage werden die Geringschätzung der Lektorentätigkeit noch bitter bereuen.

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3 Gedanken zu „Wo bleibt der Lektor?

  1. VH

    Nicht nur auf dem Buchmarkt ist das Realität, auch auf dem Markt der Zeitungen: Gelegentlich lese ich eine sehr günstige Tageszeitung im Tabloid-Format, deren Redaktionsschluss sehr spät angesetzt ist. Was der Aktualität zu Gute kommt, schadet der Qualität: Auf fast jeder Seite stolpert der aufmerksame Leser über Rechtschreibfehler und inkorrekte Silbentrennungen. Das behindert nicht nur den Lesefluss, sondern ärgert den Leser spätestens auf der dritten Seite so maßlos, dass er die eigentliche Nachricht nicht mehr verinnerlicht – und schließlich doch wieder zu einer Zeitung greift, die zwar teurer und im “nicht-U-Bahn-freundlichen”-Format erscheint, jedoch mit Qualität überzeugt.

  2. Bear

    Hat das aber nicht auch sehr viel mit dem fatalen, vermeintlichen “Zwang” zur Überproduktion zu tun? Immer mehr Bücher pro Halbjahr , die in immer kürzerer Zeit fertiggestellt werden müssen? Da müssen wir uns gerade auf der Verlagsseite noch wesentlich mehr an die eigenen Nase fassen…

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