Der Spiegel – stillos

Seit letzten Donnerstag weiß SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, dass er nun sein Köfferchen packen darf. Nach 13 erfolgreichen Jahren als Chef des größten deutschen Nachrichtenmagazins haben die Gesellschafter seinen Vertrag per Sonderkündigungsrecht zu ultimo 2008 auslaufen lassen.

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Nun darf ja jeder Eigner über die Besetzung der Spitzenpositionen in seinem Unternehmen frei entscheiden, doch hinterlässt die Kündigung von Stefan Aust einen bitteren Nachgeschmack. Man kann Aust mögen oder nicht (ich mag ihn nicht), eines kann man ihm nicht absprechen: Erfolg.

Trotz Medienkrise blieb die Auflage des SPIEGEL stabil über der Millionengrenze, die publizistische Herausforderung durch den FOCUS wurde per Rundumerneuerung gemeistert. Die Anzeigenerlöse sprudeln, der SPIEGEL ist eine Goldgrube.

Trotzdem wurde Aust in einer stil- und würdelosen Art und Weise per Fußtritt aus dem Haus gestossen. Eine dürre Hausmitteilung, kein Bedauern, keine Erwähnung der Verdienste, kein Dank. Aust selbst wurde im Urlaub auf Bali per Telefon in Kenntnis gesetzt.

In meinen jungen Jahren stand ich schon mit einem Bein in der SPIEGEL-Wirtschaftsredaktion. Im letzten Moment zerschlug sich das Ganze. Glücklicherweise, muss man im Rückblick sagen. Denn beim SPIEGEL herrscht ein zynisches Klima. Nirgends ist die Wahrnehmung zwischen außen und innen so divergent. Nach außen gelten die SPIEGEL-Redakteure als große Zampanos mit viel Zeit und Gehalt, doch innen sitzen sie in ihren Winzlings-Büros, schreiben ihre Stories, die, wenn sie nicht im Papierkorb landen, von allmächtigen Ressortleitern auf SPIEGEL-Duktus gebürstet werden.

Der Chefredakteur ist in so einer Umgebung für viele der Prügelknabe. Obwohl er dem Verlag Hunderte von Millionen Euros verdient und den SPIEGEL zukunftsfest gemacht hat. Das Magazin ist heute unideologisch, mit manch großartiger Reportage, visuell ansprechend (ein Verdienst des TV-Mannes Aust) und immer für eine Überraschung gut. Dieser chaotische Abgang eines Spitzen-Journalisten ist in Wirklichkeit ein Scheitern der Eigentümer. Einen Hühnerdieb hätte man besser behandelt.

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